Noldi Alder


1953 geboren in Urnäsch
1960 erster Geigenunterricht bei Alfred Signer in Appenzell
1970-1974 Ausbildung zum Mühlenbauer bei Gebr. Bühler Uzwil
1974-1980 Mühlenbauer Monteur in der Schweiz und in England
1980-1983 Geigenunterricht bei Jürg Scherrer
ab 1983 Auseinandersetzung im Geigenbau - spielt seine eigenen Streichinstrumente
1995 Abschluss klassisches Musikstudium bei Paul Giger im Hauptfach Violine.
Seit 1996 freischaffender Musiker in den Bereichen Klassik, Volksmusik, Salonmusik, Komposition und Arrangement.

Wichtige Tätigkeiten als freischaffender Musiker:

Künstlerischer Leiter EXPO 02 am Kantonaltag der drei Kantone AI, AR, NE
Ständiger Erneuerer des Naturjodels (Gegenbewegung zum Jodlerverband)
Mitglied des Neuen Appenzeller Streichmusikprojekts
Musikalischer Berater und Interpret im Film Bergfahrt (Regie Thomas Gloor). Dieser Film zeigt eine mögliche Fortsetzung der zum Teil starr gewordenen Schweizer Volksmusik.
2005 Komposition und musikalische Leitung, Festspiel Schlacht am Stoos
2006 Musikalisches Konzept Olma – Auftritt der beiden Appenzell
2007 Interpret im Film Heimatklänge von Stefan Schwietert
2007 Künstlerische Leitung IBK, experimentelle Volksmusik im Appenzellerland
2007 Künstlerische Leitung beim Festival Saitenwind in Wildhaus und Klangkurs für MusikerInnen.
2008 Erster Kulturpreisträger des Kantons Appenzell Ausserrhoden
Kammeroper „Die Toten Tiere“ Text Urs Widmer
Oper „Säntismord“ Zusammenarbeit mit Komponist Friedrich Schenker
Klangcombi: Streichquintett mit zeitgenössischen virtuosen Arrangements von Volksmusik, im besonderen Appenzellermusik.
Weiterverfolgung der 30-jährigen Feldforschungsarbeiten, im speziellen für Appenzellermusik und Stiftungsrat im Zentrum für Appenzellische Volksmusik
Kompositorische Tätigkeit im Bereich Volksmusik-Improvisation-Klassik
2012 Das Märchen vom Zäuerli (Naturjodel) und dem klassischen Streichorchester
2013 Musikalischer Leiter Festspiel ARAI 500 in Hundwil
2014 Bach in der Volksmusik (Im Schatten von Bach)
Auftritte in diversen Besetzungen



Interview von Hanspeter Spörri


«Ungenierte Gedanken von Ludwig Hasler und versöhnliche Musik mit dem Klancombi von Noldi Alder» – der nächste Programmpunkt des Teufner Grubenmann-Jahres, am 25. August um 20 Uhr in der Grubenmann-Kirche in Teufen



Noldi Alder, Sie spielen mit ihrem Ensemble, dem Klangcombi, an einer Veranstaltung zum 300. Geburtstag des Teufner Baumeisters Hans Ulrich Grubenmann. Zufall?
Ich habe einst Mühlenbauer gelernt, komme also vom Handwerk her, schätze gutes Handwerk – und weiss, dass es leider oft unterschätzt wird. Ich bewundere die Baumeisterfamilie Grubenmann seit langem, vor allem wegen ihrer Brückenbauten. Eine Brücke ist, anders als ein Wohnhaus, ein öffentlicher Ort; sie muss grosse Belastungen tragen, ist exponiert, erfüllt eine gesellschaftliche Funktion. Vielleicht also kein Zufall.

Sie sehen sich selber als Brückenbauer?
Aber nein, ganz und gar nicht! Mit meinen Projekten und Kompositionen bringe ich verschiedene Musikwelten – Volksmusik und Klassik – miteinander in Verbindung. Aber die Musik ist eher zu vergleichen mit dem stetig fliessenden Strom; die Brücken von Ufer zu Ufer müssen die Zuhörenden bauen.

Aber nochmals zu Hans Ulrich Grubenmann und seinen Werken: Gibt es musikalische Parallelen?
Vielleicht kann man ihn mit Bach vergleichen. In Johann Sebastian Bach Musik kann man durchaus Konstruktionen erkennen die im weitesten Sinn mit der Statik von Grubenmann verglichen werden können.Auch bei Ihm gibt es vertikale Hauptpfeiler und verbindende horizontalen. Bach und die Brüder Grubenmann schufen perfekte Werke. Sie haben in der gleichen Epoche gelebt, als Autodidakten die Werke anderer studiert. Sie sind aber ihre eigenen Wege gegangen. Wir werden also in der Grubenmannkirche in Teufen sicher Bach spielen, dann aber die konstruierte Musik verlassen. Wahrscheinlich hat auch Grubenmann nicht nur konstruiert, sondern häufig improvisiert. Dank seinem Talent und seinen Fähigkeiten konnte er das; er sah, wenn etwas richtig war.

Was heißt «richtig»? Was ist perfekt?
Ich habe auch im Geigenbau gearbeitet. Die Geige ist ebenfalls eine Brücke, trägt die Saiten. Nur hat sie daneben auch noch eine klingende Funktion. Und wir staunen ja immer noch über die Klangqualität, welche Geigenbauer wie Stradivari im 17. Jahrhundert erreicht haben. Deshalb versucht man nun mit wissenschaftlichen Methoden herauszufinden, wodurch diese Qualitäten entstanden. Aber man ist damit wohl auf dem Holzweg. Es gibt nicht einfach ein Geheimnis zu enthüllen. Die besondere Klangqualität hat nicht einen einzigen Grund, eine Hauptursache, die man entdecken könnte. Für den Bau einer Geige sind etwa 300 unterschiedliche Arbeitsgänge nötig, und jeder einzelne von ihnen muss vollständig durchdacht sein, richtig gemacht und abgeschlossen werden. Nur dann ist das Resultat perfekt.

Über Hans Ulrich Grubenmann und seine Familie weiss man relativ wenig. Vermutlich war er aber mehr Unternehmer als Schöngeist. Vielleicht war er ziemlich schwierig im Umgang.
Wer etwas erreichen will, muss frech sein. Grubenmann wurde sicher auch politisch unterstützt; er wusste, wie er sich diese Unterstützung sichern konnte; er konnte sich durchsetzen. Und er war wohl überzeugt von dem, was er tat; er kannte seinen Wert. Als Handwerker und Unternehmer hatte er Selbstvertrauen; er war bereit, notfalls die Kritik jener zu ertragen, denen er zu unkonventionell, zu wagemutig oder zu eigensinnig war. Er wusste also, was er selber aushalten wollte und konnte.»

Woher kann dieses Selbstvertrauen stammen?
Grubenmann hat auch dem Material vertraut; Vertrauen in sich selber und in das Material ist eine Voraussetzung, um gut arbeiten zu können. Mir geht es jedenfalls so: Ich kann nicht immer erklären, warum ich etwas mache. Aber ich vertraue darauf, dass es richtig ist, wenn ich auf die Bühne gehe. Musik sollte nicht kopflastig sein. Häufig kommt es besser, wenn man sich auf die Intuition verlässt. Ich nehme an, Grubenmann wurde auch von seiner Intuition geleitet.

Sie sind Volksmusiker, gehören zur 4. Generation der Urnäscher Alder-Dynastie. Gibt auch die Tradition Vertrauen?
Man muss dazu stehen, dass man von der Tradition her kommt. Ich konnte sie nicht einfach hiner mir lassen. Als ich im Alter von 35 Jahren das Geigenstudium begann, fühlte ich mich hin und her gerissen. Zunächst musste ich mich von der Tradition lösen. Aber das ist vermutlich gar nicht so aussergewöhnlich. Die Volksmusik hat sich früher immer weiterentwickelt. Wer meint, Traditionen seien statisch, unterschätzt sie. Man kann sich also von ihnen entfernen – und wieder zu ihnen zurückkehren.



Artikel aus der NZZ 10 Juni 2015
Vom Verlust des
Freigeists
Noldi Alder " Einst ein naturverbundenes
Volk, sind die Menschen in Appenzell
Ausserrhoden unvorbereitet in unser
Zeitalter hineingeraten. Über viele
Jahre hinweg konnten sich die kantonalen
Behörden mit Originalität und bestechender
Schlagfertigkeit im Staat
grösstenteils durchsetzen. Trotz der
geografischen Dreiteiligkeit des Kantons
hatte das Volk einen enormen Zusammenhalt
in Tradition und Politik.
Heute interessieren sich Politik und
Kultur meist nur noch am Rand ernsthaft
für dringende innerkantonale Angelegenheiten.
Regierungsmitglieder
streben nationale politische Ämter an
und kümmern sich um ihre eigene Karriere.
Den wenigsten geht es dabei noch
um das Wesentliche.
Dadurch entsteht sogar in diesem
kleinen Kanton ein Graben zwischen
den einfachen Menschen und den Neuaristokraten.
Durch zunehmenden
Druck von aussen verliert unser Volk an
Selbständigkeit und unabhängigem
Denken. Regeln werden übernommen
und umgesetzt, obwohl sie für unsere
Region schädlich sind. Ich finde es
schade, dass die meisten Menschen die
einfachste Lösung suchen, sich mit unüberprüften
Versprechungen ködern
lassen und, statt selbständig zu denken
und zu handeln, im Kielwasser anderer
mitschwimmen.
UnsereKultur – Sennentradition und
Musik – wird seit Jahrzehnten zu meinem
Leidwesen auf der ganzen Welt
plakativ vermarktet. Im Auftrag des
Staates sind schon viele Appenzeller
Delegationen weltweit zu Werbezwecken
missbraucht worden. Was ist mit
den Appenzellern los, dass sie ihre
Volkskultur touristenkonform machen?
Appenzellerinnen und Appenzeller
hatten einst unbezahlbaresWissen. Jetzt
zählt nur noch das zahlbareWissen. Früher
gab es rege Diskussionen an Stammtischen.
Heute wird nur noch über das
Fernsehprogramm und den Inhalt von
Gratiszeitungen geredet. Muss die
Stammtischkultur subventioniert werden,
bis wieder gesunde Diskussionen
stattfinden? Kritische Stimmen in unserem
Kanton sind grösstenteils verstummt.
Fehlt es an Mut oder an Ideen?
Ich vermisse heute den appenzellischen
Freigeist, den Drang nach Selbständigkeit.
Abhängigkeit macht krank.
Nach meinem Empfinden hat sich auf
kantonaler politischer Ebene seit Einführung
des Frauenstimmrechts 1989
nichts geändert, ausser dass die Frauen
die Fehler der Männer übernommen
haben, indem sie sich hauptsächlich um
ihre Karrieren kümmern.
Trotz all meinen Sorgen hat unser
Kanton eine unvergleichbar schöne Natur
und auch einige interessante Persönlichkeiten,
die echte Appenzeller sind.
Es lohnt sich, hierherzureisen. Ich bin
stolz, ein Ausserrhoder zu sein.
Als Musiker habe ich während zwanzig
Jahren traditionelle und kulturkritische
Projekte geleitet.Wünschen würde
ich mir, dass sich unsere Politik von der
Kultur nährt – und nicht umgekehrt.
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